Die Herausforderungen für Universitäten hätten in den vergangenen zehn Jahren zugenommen, erklärt Thomas Estermann von der European University Association (EUA). Die EUA ist der größte Verband europäischer Universitäten und Fachhochschulen. Noch stärker als früher seien Universitäten heute mit komplexen Problemen konfrontiert – von geopolitischen Konflikten, über den Klimawandel bis hin zu dauerhaften Krisen, sagt Estermann. Obwohl globale Entwicklungen immer schon Einfluss auf Hochschulen gehabt hätten, habe dies eine völlig neue Dimension erreicht. 

Um den komplexen Herausforderungen gewachsen zu sein und zukunftsfähig zu bleiben, müssten Modelle von Governance und Führung neu gedacht werden, ist der Experte überzeugt. Mit den bisherigen Modellen stoße man an seine Grenzen, weil die Zeiten schnelllebiger sind. Wichtig ist Estermann zufolge ein gutes Zusammenspiel formeller und informeller Governance.

Ein Beispiel für diese Neuausrichtung ist das Thema Nachhaltigkeit. „In Zukunft wird es nicht ausreichen,eine Führungskraft damit zu betrauen. Wir müssen das Thema horizontal denken.“ Ähnliches gelte für die digitale Transformation oder für Diversität und Inklusion. Angesichts der Vielzahl relevanter Themen sei es essenziell, „die Zusammenarbeit so zu organisieren, dass man als Institution gut aufgestellt ist“.

In den meisten europäischen Ländern sei eine duale Governance üblich – bestehend aus einem Senat, der die akademische Gemeinschaft repräsentiert, und einem Rat mit externen Mitgliedern. Estermann plädiert für eine strategischere Auswahl dieser Gremienmitglieder. Bisher würden sie oft nach ihrem repräsentativen Status ausgewählt, sei es, weil sie zum Beispiel eine Fakultät oder eine Gruppierung vertreten. Stattdessen müsse mehr nach notwendigen Kompetenzen und nach Strategie besetzt werden. 

Da die Universitätsführung nicht alles abdecken könne, sei externe Beratung unverzichtbar. Einige Hochschulen hätten hier bereits innovative Ansätze entwickelt, etwa was das Thema digitale Transformation angeht. So habe die Zürcher Hochschule der Künste einen „Digital Council“ eingerichtet: ein interdisziplinäres Expert_innengremium, das die Leitung in digitalen Fragen berät. Ein Positivbeispiel aus Österreich sei der „Digital University Hub“, eine Kooperationsplattform mehrerer Universitäten. „Heutzutage kann keine Institution mehr alles alleine erfinden und entwickeln. Kooperation und Zusammenarbeit sind essenziell.“

Eine immer wichtigere Rolle würden zudem geteilte Führung sowie strategische Führungskräfteentwicklung spielen. Die EUA hat ein eigenes Weiterbildungsprogramm ins Leben gerufen, das „Leadership Development Programme“. Der erste Durchlauf startet im Frühjahr 2025. (https://www.eua.eu/our-work/projects/eua-projects/eua-leadership-development-programme.html)

Ziel müsse sein, junge Menschen für eine Führungsposition an der Universität zu begeistern, betont Estermann. „Diese Positionen werden immer herausfordernder und es wird immer schwieriger, Leute dafür zu gewinnen.“ Doch auch das ist schlussendlich ganz entscheidend für die Zukunftsfähigkeit einer Universität. 

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