Stärken oder schwächen neue Technologien die Demokratie? Mit dieser zentralen Frage beschäftigt sich Peter Parycek, Vizerektor für Lehre und wissenschaftliche Weiterbildung sowie digitale Transformation an der Universität für Weiterbildung Krems. In seiner Keynote bei der CACE-Konferenz beleuchtet er zunächst die Fundamente der Demokratie: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit oder Solidarität. Außerdem ruft er in Erinnerung, dass sich Demokratie durch das Prinzip der Gewaltenteilung auszeichnet – die staatliche Gewalt also auf Legislative (Gesetzgebung), Exekutive (ausführende Gewalt) und Judikative (Rechtsprechung) aufgeteilt ist. Als vierte Macht fungieren die Medien, als kritische „Wachhunde“ der Politik, und als fünfte Macht die Gesellschaft.
Gerade die vierte Macht sei in den vergangenen Jahren erstarkt, erklärt Parycek. Im digitalen Zeitalter sei es immer mehr Menschen möglich, selbst als „Wachhunde“ aufzutreten. Anfangs keimte daher die Hoffnung, dass Technologien die Demokratie stärken könnten. Doch Paryceks eingehende Beschäftigung mit dem Thema führte zu einer differenzierteren Erkenntnis: Technologien an sich sind weder gut noch schlecht – sie verstärken lediglich die menschliche Natur, sowohl in ihren positiven als auch ihren negativen Ausprägungen.
Eine der aktuell größten Herausforderungen, die Polarisierung der Gesellschaft, sei nicht primär durch Technologien verursacht: „Menschen suchen gezielt den Austausch mit Gleichgesinnten – ob in der digitalen Welt oder in der realen,“ erklärt Parycek. Der entscheidendere Faktor seien vielmehr die Emotionen der Menschen, und die Emotionalisierung öffentlicher Diskurse. Medien würden zunehmend auf Emotionen setzen, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, was problematisch sei. Als Beispiel nennt der Experte die Brexit-Kampagne oder die letzten US-Wahlen, die beide durch emotionale Botschaften geprägt waren. Künstliche Intelligenz (KI) wirke wie ein Katalysator für diese Entwicklung.
Als eine weitere Herausforderung sieht Parycek, dass die Veränderungen, getrieben durch Technologien, so rasant vonstattengehen. „Unsere gesellschaftlichen Systeme, wie etwa das Bildungssystem oder die Politik, sind darauf nicht ausgerichtet und können nicht mithalten.“ Das führe zu Angst und Unsicherheit, die in herausfordernden Zeiten keine guten Voraussetzungen seien. Zugleich vergrößere sich die Wissenskluft zwischen gut und weniger gut gebildeten Menschen, da erstere digitale Tools kompetenter nutzen könnten.
Parycek betrachtet künstliche Intelligenz als mögliche Lösung für diese Herausforderungen. KI könne menschliche Fähigkeiten sinnvoll ergänzen, da sie ganz anders funktioniere: Während Menschen emotionale Kompetenzen, Kreativität und Anpassungsfähigkeit mitbringen, sei KI objektiver und in der Lage, schnelle Entscheidungen zu treffen sowie konstant hohe Leistungen zu erbringen. „Die jeweiligen Stärken von Mensch und Maschine sind also äußerst kompatibel“, betont Parycek.
Damit Mensch und Maschine optimal zusammenarbeiten können, spielt Bildung aus Sicht des Vizerektors eine ganz entscheidende Rolle. Parycek hebt drei Kompetenzen hervor, die gezielt gefördert werden müssten: digitale Souveränität, kognitive Fähigkeiten sowie emotionale und ethische Kompetenzen.
„Über Bildung, davon bin ich überzeugt, können und müssen wir Menschen dazu befähigen, die Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu bewältigen“, resümiert Parycek. Bildung sei eine wichtige Grundlage, um die Zusammenarbeit zwischen Menschen und künstlicher Intelligenz zu gestalten – und die demokratischen Werte Freiheit, Gleichheit und Solidarität aufrechtzuerhalten. Seine Vision: Alle Menschen sollten in der Lage sein, Technologien so einzusetzen, dass sie das Beste in uns fördern und nicht das Schlechte verstärken.