Wie kann Lernen jenseits von Disziplinen gelingen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Thorsten Philipp, Wissenschaftlicher Referent für Transdisziplinäre Lehre an der Technischen Universität Berlin und Keynote-Speaker bei CACE. 

In Disziplinen zu denken bedeute, in einer gewissen Ordnung zu denken, erklärt er. Es handle sich um eine vorgegebene Ordnung, um vorgegebene Kategorien. Das Wort „trans“ ändere die Beziehung zu diesen Kategorien und zum bestehenden System. Beim transdisziplinären Lernen gehe keinesfalls darum, Disziplinen abzuschaffen. „Vielmehr befähigt es Studierende, die Konstruiertheit dieser Kategorien zu erkennen und kritisch zu hinterfragen.“

Philipp formuliert fünf Dimensionen des transdisziplinären Lernens, die auch in dem von ihm mitverfassten Handbook Transdisciplinary Learning (transcript Verlag) dargelegt sind. Diese Dimensionen versteht er als „den Versuch, Übersichtlichkeit in die Erfordernisse der Taktiken transdisziplinären Lernens zu bringen“.

Ein zentraler Aspekt ist die Anerkennung einer Vielfalt an Wissensquellen. Neben wissenschaftlichem Wissen sollten auch andere Formen wie indigenes Wissen, Erfahrungswissen oder Körperwissen stärker berücksichtigt werden. „Dieses Wissen wird oft als esoterisch belächelt, doch wir können davon profitieren“, erklärt Philipp. Ebenso müsse die Vielfalt der Akteurinnen und Akteure in der Wissensproduktion gewürdigt werden. Nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch Studierende, Künstler oder Praktiker hätten das Potenzial, wertvolle Beiträge zur Forschung zu leisten.

Darüber hinaus gehe es um eine Vielzahl an Partizipationsmöglichkeiten. Als Beispiel nennt Philipp die Citizen Science: In frühen Ansätzen wurden Bürgerinnen und Bürger beispielsweise in der Vogelforschung gebeten, Vögel zu beobachten und Daten zu liefern. Moderne Citizen-Science-Projekte würden die Teilnehmenden jedoch mehr einbinden – von der Formulierung der Forschungsfragen bis hin zum Design der Studien.

Auch die Anerkennung einer Vielfalt an Tätigkeiten sei entscheidend. „Natürlich unterscheidet sich ein Professor von einer Vertreterin eines Umweltverbandes, die am Bodensee zur Gewässerökologie arbeitet. Beide haben unterschiedliche Aufgaben und Verpflichtungen, aber beide sind Akteur_innen  in der Wissensproduktion.“

Abschließend hebt der Experte die Bedeutung unterschiedlicher Bildungsbiografien hervor: „Auch Umwege sind Wege. Bürgerliche Vorstellungen von „gescheiterten Karrieren“ oder Studienabbrüchen sind hinderlich für transdisziplinäres Denken.“ Es gebe zahllose Wege des Wissenserwerbs außerhalb universitärer Strukturen, die nicht ignoriert werden dürften.

Zur Umsetzung des transdisziplinären Lernens gibt es laut Philipp eine Vielzahl von Ansätzen. Viele davon würden bereits an Universitäten praktiziert, jedoch oft nicht als transdisziplinär eingeordnet. Beispiele hierfür seien neben Citizen Science auch Praktika oder Service-Learning, bei dem sich Lehrende und Studierende mit realen gesellschaftlichen Herausforderungen befassen.

Wollen Lehrende transdisziplinäres Lernen umsetzten, müssten sie ihre Kontrollansprüche überdenken. „Wer von der Vielfalt der Wissensquellen profitieren möchte, muss Studierende befähigen, selbstbestimmt zu agieren.“ Gleichzeitig seien Lehrende gefordert, Zusammenarbeit zu fördern, Hierarchien abzubauen und Verantwortung abzugeben. Eine gute Fehlerkultur sei ebenfalls unverzichtbar. Besonders wichtig seien jedoch Feedbackkompetenz und Reflexion, appelliert Philipp. Sein Ansatz lädt dazu ein, Lehre und Forschung neu zu denken – jenseits eingefahrener Kategorien und festgelegter Pfade.

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